Seit Wochen lassen mich die Wespen auf meiner Terrasse vollkommen in Ruhe. Kein Sturzflug ins Apfelschorleglas, keine bewaffnete Kontrolle meines Kuchentellers. Stattdessen sitzen sie auffällig zufrieden auf meinem Lorbeer. Und ich hielt mich bereits für eine begnadete Wespendiplomatin.
Die Wespen waren also nicht verschwunden, aber die Schildläuse auf meinem Lorbeer waren wohl interessanter als ich. Diese kleinen braunen Gestalten, die Pflanzensaft trinken und überschüssigen Zucker als Honigtau ausscheiden. Ameisen halten solche Läuse ja regelrecht als Milchkühe. Sie „melken“ sie mit ihren Fühlern und beschützen sie dafür vor Feinden. Aber zurück zu unseren Wespen. Die Wespen scheinen sich den organisatorischen Aufwand zu sparen. Sie kommen einfach zum Buffet.
Das wirtschaftliche Verhältnis auf meinem Balkon gestaltet sich damit folgendermaßen:
Der Lorbeer liefert den Pflanzensaft.
Die Schildläuse stellen den Zucker her.
Die Wespen trinken ihn.
Und ich bekomme meine Ruhe.
Bezahlt wird der Frieden von meinem Lorbeer.
Dabei sind soziale Wespen ohnehin erstaunliche Tauschhändlerinnen. Die erwachsenen Arbeiterinnen jagen Insekten, zerkauen sie und bringen das Fleisch ihren Larven. Die Larven verdauen es und geben dafür eine süße, nährstoffreiche Flüssigkeit zurück.
Das Nest ist also Kinderstube, Fleischerei und Saftbar zugleich.
Im Spätsommer beginnt dieser ganze Staat zu zerfallen. Es gibt immer weniger Larven, ihre süße Flüssigkeit versiegt und die Arbeiterinnen verlieren ihre bisherige Aufgabe. Genau dann suchen sie Zucker an Früchten, Limonaden und unseren Tischen.
Die Wespe auf dem Kuchen ist deshalb vielleicht keine dreiste Angreiferin.
Sie ist eine arbeitslos gewordene Bürgerin eines Reiches, das gerade untergeht.
Mit dem ersten Frost sterben die Arbeiterinnen und Männchen. Nur die jungen, begatteten Königinnen überwintern, jede allein und mit einem vollständigen zukünftigen Staat in ihrem Körper.
Und während wir noch darüber diskutieren, ob Wespen irgendeinen „Nutzen“ haben, erkennen sie Gesichter, verstehen Rangordnungen, versorgen ihre Kinder und werden von ihnen versorgt.
Doch manche ihrer winzigen Verwandten gehen noch weiter.
Sie bringen Pflanzen dazu, ihnen ein Haus wachsen zu lassen.
Aber das ist die nächste Geschichte.
